Freitag, 13. März 2026: Knastgeschichten (5) – Felipe, 2. Korinther 5,17

Gibt es eigentlich auch hoffnungsvolle Geschichten aus dem Knast? Oh ja, die gibt es. Felipe (Name geändert) war ein Häufchen Elend, als ich ihn zum ersten Mal traf. Auch wenn er noch keine 30 Jahre alt war, hatte er schon etliche Jahre in verschiedenen Gefängnissen verbracht. Wenn er über sein Leben redete, brach er regelmäßig in Tränen aus, aber die Botschaft von Jesus traf ihn tief ins Herz. Wie Jesus mit Kriminellen und Ausgestoßenen umging, faszinierte ihn. Sein Leiden und Sterben für uns Menschen bekam für Felipe eine persönliche Relevanz. Und das völlig veränderte Leben der Jesus-Nachfolger war plötzlich eine Perspektive für ihn selbst.

Weil er einsah, dass sein Leben eine radikale Wende nötig hatte, und er nicht wieder in sein altes Umfeld zurückgehen sollte, fasste Felipe vor der Haftentlassung einen Entschluss: Er wollte in die Wohngemeinschaft einer christlichen Gefährdetenhilfe ziehen. Nach einigen Gesprächen kam die Zusage, und vom Knast aus ging es direkt los. Er wurde von den Hauseltern mit selbst gebackenem Kuchen liebevoll willkommen geheißen und lebte sich gut ein. Dann: Absturz, Rückfall, erneute Inhaftierung. Hoffnungslos? Nein. Er nahm erneut Kontakt mit der Gefährdetenhilfe auf. Würden sie ihm noch einmal eine Chance geben? Wegen Kapazitätsengpässen wurde er in eine andere Einrichtung vermittelt, die auch von überzeugten Christen geleitet wurde. Wieder erlebte er dieselbe Art von Gottes Liebe, die ihm entgegengebracht wurde.

Nach einigen Monaten durfte Felipe den endgültigen Durchbruch zu Jesus feiern und durch seine Taufe bestätigen. Aus einem Häufchen Elend war ein Mann geworden, der eine Berufsausbildung begann, sein Leben nun mit der Hilfe Gottes bestreitet und durch das Evangelium von Jesus Christus ganz neu wurde.

Thomas Bühne

Donnerstag, 12. März 2026: Knastgeschichten (4) – Daniel, Matthäus 5,48

Im Knast gibt es ein interessantes Phänomen zu beobachten. Obwohl alle Gefangenen ein ähnliches Schicksal teilen, gibt es doch einen erheblichen Unterschied in der Hierarchie. So erleben Inhaftierte, die z. B. Sexualstraftaten begangen haben, weitaus größere Schwierigkeiten als Bankräuber oder Drogendealer. Innerhalb der Mauern gibt es eine unerbittlichen »Ehrenkodex«: »Solche Dinge gehen gar nicht!« Ausgrenzung oder Gewalt sind die Folge. Auch wenn jeder eigentlich genug mit den eigenen Taten beschäftigt sein müsste, gibt es immer noch jemanden, auf den man herabschauen kann. Jemanden, der noch schlechter ist als man selbst und für den die Zeit hinter Gittern ruhig die Hölle auf Erden werden darf.

Daniel (Name geändert) erzählte mir von seinen Diebstählen. Um seinen Drogenkonsum zu finanzieren, klaute er Parfüm und »vertickte« es auf der Straße. Einbrüche in Apotheken und aufgebrochene Parkautomaten rundeten die Geschichte ab. Es war aber nie jemand zu Schaden gekommen, er hatte nie eine Person verletzt. Eigentlich hatte er ja niemandem geschadet, außer ein paar Unternehmen, die es wohl verkraften würden, so seine Aussage.

Wenn sich Daniel so im Gefängnis umschaute, war er bei Weitem nicht der Schlimmste. Im Gegenteil, er hatte ein gutes Ansehen und kam mit den Mitgefangenen bestens aus. Bei ihm bemerkte ich ein Verhaltensmuster, das ich aus meinem eigenen Leben kannte. Der Maßstab, wie wir unser Leben, unser Verhalten und unsere Leistungen beurteilen, sind häufig andere, unvollkommene Menschen. Das Fatale ist jedoch: An Gottes Vollkommenheit scheitern wir alle! Ein Leben in seiner Gegenwart ist nicht möglich, es sei denn, er schenkt uns Vergebung und ein neues Leben aus freier Gnade! Nehmen wir dieses Geschenk an?

Thomas Bühne

Mittwoch, 11. März 2026: Knastgeschichten (3) – Kalle, 1. Petrus 5,6

»Dieses Mal werde ich es schaffen. Draußen habe ich Arbeit, kann bei meinem Kumpel einziehen und fühle ich mich stabiler als beim letzten Mal.« Ich erinnere mich noch gut an dieses Gespräch mit – nennen wir ihn Kalle. Innerhalb von zehn Jahren hatte ich ihn dreimal kommen und gehen sehen. Eine typische Knastkarriere. Berufserfahrung als »Mitternachtsschlosser« habe er gesammelt, so äußerte er lächelnd. Kleinere und größere Delikte hatten ihm schon viele Jahre in Haft eingebracht. Nun stand also wieder einmal eine Entlassung an. Aber dieses Mal sollte alles anders werden. Keine krummen Dinger mehr. Meine Frage an ihn: »Kalle, warum sollte es sich dieses Mal für dich viel besser entwickeln, wenn du dich nicht geändert hast?«

Es hatte bei ihm innerlich nicht »Klick« gemacht. Er hatte nicht verstanden, dass er Hilfe brauchte, um sein Leben wirklich grundlegend zu ändern. Und zwar Hilfe, die ihm auch Verbote und Einschränkungen auferlegte, um ihn vor sich selbst zu schützen. Aber Kalle wollte niemanden, der ihm irgendetwas vorschrieb. Wo würde seine Reise wohl enden? Schnell schüttelt man den Kopf über solche Leute wie Kalle. Warum macht er keine Therapie, die ihn zwar einschränken, ihm aber auch wirklich helfen würde?

Aber sind wir nicht manchmal ähnlich unterwegs? Wir scheitern immer wieder an den gleichen Dingen. An unseren Lieblingssünden und schlechten Gewohnheiten. Immer wieder das Gleiche, ein nicht enden wollender Kreislauf. Die Bibel ist drastisch in der Formulierung dieser Situation: Sie nennt uns »Sklaven der Sünde«. Ein Sklave tut willenlos das, was sein Herr fordert. Wir brauchen einen anderen Herrn, Jesus, und eine ehrliche und langfristige Unterordnung unter seinen Willen, damit unser Leben gelingt.

Thomas Bühne

Dienstag, 10. März 2026: Knastgeschichten (2) – Dustin, Lukas 18,13

»Ich habe mein Leben verpfuscht, bin ein körperliches und seelisches Wrack. Jahrelanger Heroin-Konsum hat mich entstellt, und ich habe keine Hoffnung, jemals von dem Zeug loszukommen. Auch wenn ich im Knast nicht mehr konsumiere, weiß ich genau, dass ich immer ein Süchtiger bleiben werde. Meine Frau hat sich kurz vor meiner Inhaftierung von mir getrennt, meiner Tochter habe ich erzählen lassen, ich wäre auf Montage im Ausland. Was soll ich vom Leben noch erwarten?«

Dustin würde man wohl tatsächlich als hoffnungslosen Fall bezeichnen. Als wir ihm von Jesus erzählten, dem »Freund der Sünder«, der verlorene Menschen sucht, um sie zu retten, konnte er es nicht recht glauben. Jemand sollte ihn, der sich selbst einen Totalversager nennen würde, lieben? So oft gescheitert, Menschen verletzt, Chancen verpasst. Sollte Gott doch anders sein, als er ihn sich immer vorgestellt hatte? Wir lasen mit ihm die Geschichte vom Pharisäer und vom Zöllner im Tempel, aus der auch der heutige Tagesvers entnommen ist. Während Jesus den Hochmut und den Stolz des Pharisäers verurteilt, spricht er dem demütigen Zöllner Gerechtigkeit zu. Als er diese Geschichte hört, zittert Dustin am ganzen Körper, bricht in Schweiß aus. Diese Botschaft arbeitet an ihm. Zweifel, aber auch Hoffnung erfüllen den Raum. Als der Besuch endet, geht er nachdenklich zurück in seine Zelle. Rückblickend frage ich mich: Wie hat er sich entschieden? Ich weiß es nicht.

Als Jesus gekreuzigt wurde, wurden zwei Männer mit ihm gekreuzigt. Sie waren zur Todesstrafe verurteilte Kriminelle. Einer lehnte Jesus ab, der andere gestand seine Schuld ein und glaubte an ihn. Mit einem verkorksten Leben, ohne guten Taten im Gepäck, wird ihm von Jesus die Gemeinschaft im Paradies versprochen.

Thomas Bühne

Montag, 09. März 2026: Knastgeschichten (1) – Freund der Sünder, Markus 2,17

Seit gut 20 Jahren bin ich als ehrenamtlicher Betreuer in verschiedenen Gefängnissen tätig und besuche inhaftierte Männer. Wir reden über »Gott und die Welt«. Geschichten von Scheitern und Aufstehen, Hoffnung und Zweifel, Reue und Stolz. Väter, die ihre Kinder nicht aufwachsen sehen, gescheiterte Beziehungen, abgebrochene Ausbildungen. Fremdbestimmt, unverstanden, abgestempelt. Schuldgefühle, Alltagssorgen, Zukunftsängste. In den nächsten Tagen möchte ich einige dieser Geschichten mit den Lesern teilen.

Oftmals wird man ungläubig gefragt, warum man ausgerechnet die Täter besucht, ihnen Wertschätzung zeigt und ein offenes Ohr leiht. Hätten wir nicht mit der Betreuung der Opfer genug zu tun? Haben die »Knackis« es nicht anders verdient, als isoliert in den Zellen ihr Dasein zu fristen?

Interessanterweise bekam Jesus ähnliche Dinge zu hören. Sein liebevoller Umgang mit Menschen vom Rand der Gesellschaft brachte ihm den Titel »Freund der Zöllner und Sünder« ein. Er wehrte sich nicht dagegen. War er nicht gerade für diejenigen gekommen, die ihn am meisten brauchten? Denen ihre Schuld bis zum Hals stand? Ja, solche gescheiterten Existenzen fanden bei Jesus Annahme. Unabhängig davon, ob sie selbst schuld an ihrem Elend waren oder ob das Leben ihnen einfach übel mitgespielt hatte.

»Freund der Sünder« – was für ein Name! Als Beleidigung gedacht, birgt er doch so viel Hoffnung für jeden von uns. Ob verurteilter Straftäter oder vermeintlicher Saubermann: Wir alle haben einen »Freund der Sünder« nötig. Ob unsere Sünde für alle sichtbar ist oder ob wir sie verstecken können: Jesus ist gekommen, um Sünder zur Buße, zur Umkehr zu rufen!

Thomas Bühne

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